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© Gert Mothes

Kategorie

Meisterkonzerte

Ort

Freie Waldorfschule

Programmheft

 

Ein "frischer Wind" weht durch die vier Holzblasinstrumente (engl.: Wind) und ein Blechblasinstrument des Gewandhaus-Bläserquintetts, wenn es Arrangements und Originalkompositionen für die selten zu hörende Besetzung spielt. Mozarts Adagio und Allegro wurde genau wie sein Divertimento extra für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott arrangiert, ebenso Mendelssohn Bartholdys Lieder ohne Worte. Rossini verzichtete bei seiner Komposition noch auf die Oboe, Milhaud hingegen schrieb seine ursprünglich als Filmmusik vorgesehene Suite für ein vollständiges Bläserquintett.

Das Gewandhaus-Bläserquintett ist das älteste noch bestehende Ensemble seiner Art. Die Gründungsmitglieder sind freilich nicht mehr auf dem Konzertpodium zu erleben, blickt das Quintett doch auf eine mehr als 125-jährige Geschichte zurück. In der aktuellen Besetzung spielt das Ensemble erst seit dem Jahr 2023, auch wenn Fagottist Albert Kegel dem Bläserquintett als dienstältestes Mitglied bereits seit über 40 Jahren angehört.

 

PROGRAMM

 

Wolfgang Amadeus Mozart

Adagio und Allegro f-Moll KV 594 (Bearbeitung: Wolfgang Sebastian Meyer)

 

Wolfgang Amadeus Mozart

Divertimento Nr. 9 B-Dur KV 240 (Bearbeitung: Günther Weigelt)

  1. Allegro
  2. Andante grazioso
  3. Menuetto. Trio
  4. Allegro

 

Felix Mendelssohn Bartholdy

6 Lieder ohne Worte (Bearbeitung: Harry Stanton)

 

***

 

Gioacchino Rossini

Quartett Nr. 6 F-Dur

  1. Andante
  2. Thema und Variationen

 

Darius Milhaud

La Cheminée du Roi René, Suite

  1. Cortège
  2. Aubade
  3. Jongleurs
  4. La maousinglade
  5. Joutes sur l'Arc
  6. Chasse à Valabre
  7. Madrigal nocturne

 

PROGRAMMHEFT

 

Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)

Einer, der die Begeisterung des späten 18. Jahrhunderts für Musikautomaten in klingende Münze umzuwandeln verstand und dafür sogar Mozart mobilisierte, war der "Hofstatuarius Müller" alias Graf Deym zu Wien. In seiner "k. k. privilegierten Kunstgalerie" stellte der Graf, der seinen Adelstitel wegen der Verwicklung in Duelle nicht führen durfte, ab 1780 Wachsfiguren berühmter Persönlichkeiten und musikalische Automaten zur Schau. Dass dies die schau- und hörlustigen Zeitgenossen in Scharen anlockte, versteht sich von selbst. Der rege Zulauf zu Deyms Kabinett steigerte sich zum Andrang, als der Unternehmer im Juli 1790 eine gigantische „"Trauershow" für den größten österreichischen Feldherrn des Zeitalters in Szene setzte, an der Mozart mit zwei Flötenuhrstücken (KV 594 und 608) beteiligt war. Feldmarschall Laudon, der Sieger über Friedrich den Großen in der Schlacht bei Kunersdorf, wurde post mortem mit einer täuschend echten Wachsfigur geehrt, die in einer Art Mausoleum ausgestellt und in stündlichem Abstand von der feierlichen Musik einer Flötenuhr begleitet wurde. Wie die Wiener Zeitung am 26. März 1791 berichtete, war es "unmöglich, das ganze lebhaft genug durch Worte zu schildern", weshalb man denn auch am Eingang kolorierte Stiche, Vorläufer unserer Postkarten, zur Erinnerung erwerben konnte.

Der hohe Eintrittspreis wurde dadurch gerechtfertigt, dass die "Trauer Musique" eine "Komposition von Hrn. Kapellmeister Mozart" war. Es erklangen Adagio und Allegro f-Moll KV 594 im Wechsel mit der f-Moll-Fantasie KV 608. Aus der Funktion als "Trauer Musique" erklärt sich der düstere Duktus der beiden Werke, die zum Besten gehören, was der späte Mozart geschrieben hat. Wie sie auf die Besucher wirkten, ist dem Bericht eines Ohrenzeugen zu entnehmen: "Noch erinnere ich mich aus meinen Jugendjahren des lebhaften Eindrucks, den die wiederholte, oft wiederholte Anhörung dieses genialen Producktes unvertilgbar meinem Gedächtnisse einprägte. Tausend verschiedenartige Empfindungen erweckt das, fast möchte ich sagen, furchtbar wilde Allegro, mit seinem künstlich verarbeiteten Fugenthema." Auch Beethoven besaß Kopien der beiden f-Moll-Stücke Mozarts, was ihren musikalischen Rang unterstreicht.

Obwohl der junge Mozart seinen Dienstherren Hieronymus von Colloredo gerne als "Salzburger Midas" beschimpfte – in Anspielung auf den eselsohrigen König der Antike –, war der Fürsterzbischof weit weniger unmusikalisch, als man vermuten würde. Im Hofkonzert mischte er sich regelmäßig unter die Tutti-Violinen, um bei der Sinfonie mitzuspielen. In der Auswahl seiner Musiker war er qualitätsbewusst und Neuem gegenüber aufgeschlossen. In vielen Bereichen sorgte er für eine längst überfällige Modernisierung der Hofkapelle wie etwa in der Bläsermusik. In den Habsburgischen Nachbarstaaten wie in Italien war es längst Mode geworden, sich bei Tafelfreuden von reinen Bläserensembles aufwarten zu lassen, von so genannter "Harmoniemusik". Colloredo hat diese Mode in Salzburg ausdrücklich befördert, wie man dem Anstellungsvertrag des Oboisten Fiala entnehmen kann: Er solle "auf Unser Verlangen bey der Tafel eine Musique mit blasenden Instrumenten" aufführen. Schon 1775 hatte der Fürsterzbischof dekretiert, dass man die fürstliche "Harmonie-Tafelmusik" in besseren Stand als vormals setzen solle. Für dieses Ensemble komponierte Mozart zwischen August 1775 und Mai 1777 fünf Divertimenti, die in ihrer Fülle reizender Einfälle zur guten Verdauung des Fürsten zweifellos beigetragen haben dürften. Der damalige Salzburger Konzertmeister Mozart nutzte die Chance, sich jenseits der Orchester- und Kirchenmusik hier auch einmal im reinen Bläsersatz zu üben, allerdings ohne Klarinetten, über welche die Salzburger Hofkapelle nicht verfügte. Seine fünf Salzburger Divertimenti KV 213, 240, 252, 253 und 270 sind sämtlich Sextette für je zwei Oboen, Hörner und Fagotte. Die andernorts übliche Oktettbesetzung mit Klarinetten hat er erst 1777 in München kennen gelernt und erst 1782 in Wien komponierend aufgegriffen.

Das Divertimento B-Dur, KV 240, trägt innerhalb der Serie die Nummer 2 und ist auf Januar 1776 datiert. Mozart hat es also um seinen 20. Geburtstag herum komponiert – zweifellos für den Fasching jenes Jahres. Aus dem einleitenden Allegro im Dreiertakt spricht heiterste Karnevalslaune, zugleich aber der Versuch, einen Sinfoniesatz für sechs Bläser zu schreiben. Denn es handelt sich um ein anspruchsvolles Allegro mit zwei Themen, ernster Durchführung in g-Moll und Reprise, wobei der Anfang des ersten Themas erst ganz zum Schluss wiederkehrt. Das Andante grazioso ist eine jener Romanzen im Zweiertakt in Es-Dur, die Mozart so liebte – mit einem eingängigen, fast simplen Thema, das beinahe ständig wiederholt wird. Allenthalben kann man die Ökonomie seines Bläsersatzes bewundern, wie er mal die Hörner, mal die Fagotte pausieren lässt, um die Melodie der Oboen unterschiedlich zu beleuchten, wie sich Haupt- und Nebenstimmen mischen und überlagern. Im Menuett schlägt das g-Moll-Trio überraschend ernste Töne an, und auch die Mollepisode des Finales verrät, dass Mozart mit 20 Jahren schon mehr zu sagen hatte, als es dem Fürsterzbischof lieb gewesen sein mag.

 

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)

Der Titel Lieder ohne Worte ist untrennbar mit 48 lyrischen Klavierstücken des Komponisten Mendelssohn Bartholdy verbunden, die in acht Heften zu jeweils sechs Nummern erschienen sind. Die Bezeichnung, die vielleicht eine Eigenschöpfung des Komponisten ist, vielleicht auf dessen Schwester Fanny Hensel zurückgeht, steht für Charakterstücke von liedhafter Beschaffenheit. Zur musikalischen Charakteristik von Mendelssohns Liedern ohne Worte gehören "Erzählton, Sprachlichkeit, leicht fassliche und lyrische Melodik, klare Form". In den meisten Fällen erklingen sangliche Melodien über durchgängigen Begleitformeln – die ausgefeilten Figurationen rücken zahlreiche Kompositionen in die Nähe virtuoser Konzertetüden. Weniger häufig sind chorische Sätze. Die Formgebung folgt in der Regel der dreiteiligen Liedform, wobei (im Unterschied zu vielen anderen Charakterstücken des 19. Jahrhunderts) kaum je Kontrastwirkung zwischen den Teilen angestrebt wird. In manchen Stücken zieht sich die Melodie von Anfang bis Ende durch; andere "Lieder" beginnen und enden mit der begleitenden Satzschicht; ein dritter Typus besitzt kurze, kadenzierende Vor- und Nachspiele, sogenannte "Vor-" und "Anhänge". Die poetische Idee steht gegenüber der thematischen Arbeit im Vordergrund.

 

Gioacchino Rossini (1792–1868)

Bei den sechs Bläserquartetten, die unter dem Namen Rossinis fester Bestandteil des Kammermusik-Repertoires wurden, handelt es sich um Bearbeitungen seiner bekannten Streichersonaten. Jene "sechs schrecklichen Sonaten", wie Rossini selbst sie nannte, komponierte er auf dem Landgut seines Freundes Triossi nahe Ravenna, "als ich noch im kindlichsten Alter war und so gut wie keinen Unterricht genossen hatte; das Ganze komponiert in drei Tagen und aufgeführt von meinem Mäzen Triossi, seinem Vetter Morini und dem Bruder des letzteren, die wie Hunde spielten, sowie mir selbst als zweitem Geiger, der ich mich bei Gott am wenigsten wie ein Hund aufführte."

Diese in die Sommerfrische des Jahres 1804 datierte Geschichte klingt zu schön, um wahr zu sein. Sie ist das Ergebnis einer nachträglichen Manipulation seites des Operngrande Rossini, der an seiner eigenen Heiligenlegende strickte. "Sechs schreckliche Sonaten" ist ein "fishing for compliments", zu dem man einem angeblich Zwölfjährigen gegenüber nur zu gerne bereit ist. In Wirklichkeit wurden die Sonaten – so, wie sie Alfredo Casella erst 1954 wiederentdeckte – von Rossini später revidiert. Ohnehin war der Maestro mindestens 15, als er sie schrieb, und hatte, wenn schon nicht Unterricht, so doch das autodidaktische Studium der Werke Mozarts und Haydns genossen.

Interessant ist Rossinis Hinweis auf die originale Besetzung: Die Sonaten wurden solistisch ausgeführt, wobei die Besetzung mit zwei Violinen, Cello und Kontrabass an die Tradition des Divertimento anknüpft, aber auch von der Instrumentenkonstellation des Laienquartetts in Triossi diktiert wurde. Die sechs Stücke sind denn auch eher Divertimenti als klassische Sonaten, obwohl sie die für die Sonate üblichen Formen gebrauchen. Die konzertant-virtuose Behandlung aller vier Instrumente ist ein Merkmal des Divertimentos, ebenso die unbeschwerte melodische Grazie der ersten Sätze und die volkstümlich-virtuose Manier der Finali.

 

Darius Milhaud (1892–1974)

In einem malerischen Bergdorf im schweizerischen Wallis verbrachte der südfranzösische Komponist Darius Milhaud den letzten Sommer vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Vom herrlichen Panorama schwärmte er auch später noch: "Dieser entzückende Schweizer Ort überblickt das Tal und den gewundenen Lauf der Rhône." Ursprünglich war dieses Quintett ein Stück Filmmusik. Gemeinsam mit seinem Freund Arthur Honegger und einem dritten Komponisten (Roger Désormière) arbeitete Milhaud in jenem Sommer 1939 an der Musik zu einem Episodenfilm mit dem Titel Cavalcade d'amour. Der Film erzählt ein und dieselbe Liebesgeschichte zu drei verschiedenen Zeiten: im Mittelalter, 1830 und 1930. Milhaud wählte die mittelalterliche Episode aus, um sie musikalisch zu illlustrieren. Später verwandelte er diese Filmmusik in seine Suite für Bläserquintett mit dem Titel La Cheminée du Roi René (Der Kamin des Königs René).

Für den provenzalischen König René aus dem Hause Anjou wird hier musiziert, gefeiert und jongliert. Die sieben Sätze illustrieren einen Reigen bunt-historisierender Bilder. Sie zeigen das Gefolge des Königs (Cortège), ein Morgenständchen (Aubade), die Jongleure beim Hoffest und La maoussinglade. Beim Turnier kann man das Lanzenstechen (Joutes sur l'Arc) beobachten, rund um ein Jagdschloss die Jagd des Königs (Chasse à Valabre). Der Tag schließt mit einem nächtlichen Liebesgesang (Madrigal nocturne).

Erstellt unter Zuhilfenahme von kammermusikfuehrer.de und wikipedia.de.

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Ensembles

Bläserquintett Gewandhaus-Bläserquintett