Mit einer ganz und gar außergewöhnlich wilden Mischung beginnt das Neue Jahr im Festspielhaus CCH: Oder wann haben Sie zuletzt ein Alphorn oder ein Theremin auf der Bühne erlebt? Die Stuttgarter Philharmoniker haben gleich beide Instrumentalexoten im Gepäck, gespielt von den beiden herausragenden Solisten Carolina Eyck am völlig berührungslos gespielten Theremin und Arkady Shilkloper am Alphorn. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Die Stepptänzerin Kira von Kayser komplettiert die illustre Solistenriege.
Auf dem Programm stehen Werke von Strauß, Shilkloper, Hinderthür, Rózsa und Gould, die eine rauschende Feier voller Verrücktheiten auf dem Schlossberg garantieren. Am Pult der Stuttgarter Philharmoniker steht der russische Dirigent Andrey Boreyko, der unter anderem den Hamburger und Düsseldorfer Symphonikern, dem Orchestre national de Belgique, dem Sinfonieorchester der Nationalphilharmonie Warschau und dem Berner Symphonierochester als Chef vorstand.
PROGRAMM
Johann Strauss (Sohn)
Ouvertüre zur Operette Die Fledermaus
Johann Strauss (Sohn)
Künstlerleben op. 316
Carolina Eyck/Peter Hinderthür
Remembrance für Theremin und Orchester
Johann Strauss (Sohn)
Vergnügungszug op. 218
Arkady Shilkloper
Breathing Space für Alphorn und Orchester
Johann Strauss (Sohn)
Tritsch-Tratsch-Polka op. 214
***
Johann Strauss (Sohn)
Unter Donner und Blitz op. 324
Miklós Rózsa
Spellbound, Concerto für Orchester und Theremin
Johann Strauss (Sohn)
Newa-Polka op. 288
Arkady Shilkloper
Phiga, Concerto für Kuhlohorn und Orchester
Morton Gould
Tap Dance Concerto
- Satz: Toccata
Johann Strauss (Sohn)
An der schönen blauen Donau op. 314
PROGRAMMHEFT
Alles andere als gewöhnlich
So etwas gab es noch nie bei den OH! – Theremin, Alphorn und Stepptanz in einem Konzert mit einem Sinfonieorchester. Für gute Laune und einen beschwingten Start ins Neue Jahr ist also bestens gesorgt. Doch kann man solche Instrumente wohl kaum unkommentiert stehen lassen. Anstatt sich also der Biografie der Komponisten oder ihren konkreten Werken zu widmen, stellt dieser Text daher die Instrumente in den Vordergrund. Vorab sei aber angemerkt: Sie werden nicht nur Außergewöhnliches hören, sondern auch die großen Klassiker der Neujahrkonzertliteratur aus der Feder von Johann Strauss (Sohn) (1825–1899) – von der Fledermaus-Ouvertüre über die Tritsch-Tratsch-Polka und Unter Donner und Blitz bis hin zur Schönen blauen Donau.
Doch beginnen wir mit dem Theremin, dem ersten Soloinstrument des Abends. Es wurde 1920 vom russischen Physiker Lew Termen (später in den USA als Leon Theremin bekannt) erfunden und wird im Gegensatz zu anderen Instrumenten vollkommen berührungslos gespielt. Stattdessen entscheidet die Position der Hände rund um das Theremin über die Tonhöhe und die Lautstärke. Auch die Körperhaltung oder -nähe hat Einfluss auf die Tonerzeugung. Zwei Elektroden oder Antennen geben das Signal dabei an einen Verstärker weiter, der es wiederum über einen Lautsprecher wahrnehmbar macht. Das bedeutet aber auch, dass es im Gegensatz zu anderen Instrumenten keine optische oder haptische Rückmeldemöglichkeit gibt, sondern sich der Spieler rein auf sein Gehör verlassen muss. Lew Termen ist übrigens noch durch eine andere Entwicklung bekannt geworden. Nach einer Reise durch die USA wurde er 1938 in den USA wegen antisowjetischer Propaganda verhaftet und verschwand spurlos. Erst 1964 tauchte er wieder auf. Während seiner Zeit im Gefängnis hatte er allerdings Das Ding entwickelt – eine Wanze, die in einem holzgeschnitzten Siegel versteckt von 1945 bis 1952 das Büro des US-amerikanischen Botschafters erfolgreich abhörte.
Heimatgefühle mag das Alphorn bei dem ein oder anderen wecken: Schon der Name sagt ja, dass das Instrument vor allem in der Schweiz und Österreich zuhause ist, aber auch im bayerischen Alpenraum (und aus historischen Gründen auch in den Vogesen, aber das nur am Rande). Als Naturhorn ist es nur in der Lage, die Naturtonreihe wiederzugeben. Das liegt daran, dass sich die Länge des Rohrs nicht wie bei anderen Blasinstrumenten verändern lässt. Dabei zählt das Alphorn zu den Blechblasinstrumenten, obwohl es traditionell aus Holz gefertigt wird. Das liegt an den verwenden Mundstücken und der Spieltechnik. Vermutlich ist die Form – ein langes gerades Rohr mit einem gebogenen Ende, das sich zu einem Schalltrichter weitet – daraus entwickelt, dass man ursprünglich am Hang gewachsene Fichten als Material verwendet hat, die dadurch im unteren Bereich gebogen waren. Auch als Signalhorn diente das Alphorn in seiner Geschichte immer wieder, ist e doch bis zu 10 Kilometer weit hörbar (je nach Landschaftsbeschaffenheit). Heute existieren Alphörner in verschieden Stimmungen, die in ihrer Länge entsprechend variieren – von 2,45 Meter (C) bis hin zu 4,05 Meter (Es). Mehr als 1.800 Spieler des Instruments sind heute bekannt, am häufigsten findet es in der Volksmusik Anwendung. Aber auch im Jazz wird es manchmal verwendet, so zum Beispiel von Arkady Shilkloper. Unter den klassischen Komponisten stieß es jedoch auf wenig Interesse, obwohl es u. a. auch Werke von Leopold Mozart für das Alphorn gibt.
Bleibt noch ein letztes Soloinstrument: Steppschuhe. Der Stepptanz stammt ursprünglich aus den USA, wo er sich im ausgehenden 19. Jahrhundert aus schottisch-irischen Tänzen und dem afrikanischen Gummistiefel-Tanz entwickelte. Vor allem in den 1930er bis 1950er Jahren war er sehr populär und kam häufig am Broadway und im Vaudeville (dem amerikanischen Varieté) vor. Damals war er identisch mit dem Jazztanz, da hauptsächlich zu Jazz getanzt wurde und auch viele Bigband Stepptänzer für ihre Shows engagierten. Erst mit dem Aufkommen des Rock’n’Roll entwickelten sich die beiden Tanzstile zunehmend auseinander. Stepptänzer können dabei als Perkussionisten angesehen werden: Die mit zwei Metallplättchen (ursprünglich Holzplättchen) versehenen Schuhsolen erzeugen ein charakteristisches Geräusch beim Tanz, das auch die englische bzw. französische Bezeichnung für den Stepptanz erklärt: Tap dance oder Claquettes. Durch verschiedene Schritte – ganzer Fuß, Ferse, Ballen, Zehen, Sprünge, Schleifen – entsteht ein ganzes Repertoire an unterschiedlichen Klängen und Geräuschen, die gemeinsam mit der Optik des Tanzes zu einem ganz besonderen Aus- und Eindruck führen.
Gerhard Herfeldt
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